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Charly - Ein Crash kommt selten allein



Sandra Glöckner, zupackende, alleinerziehende Mutter von drei Kindern, kauft von ihrem Erbe ein marodes Haus in einer verschlafenen Kleinstadt und findet in diesem Ort ihre erste und einzige Liebe wieder. Doch was verbirgt Charly vor ihr?

Diesmal muss Sandra nicht nur um ihn, sondern auch für ihn kämpfen ...

Charly - Ein Crash kommt selten allein  
Roman, Liebe
Autorin: Marion Lembke

erhältlich bei Eboob


Leseprobe

Da waren wir. Hier also sollte unser neues Leben beginnen. Weitab vom Lärm und den Gefahren der Großstadt. Ruhig und friedlich auf dem Lande. Ein Wunder, dass ich dieses kleine Nest überhaupt gefunden hatte.

Ich parkte meinen altersschwachen, aber geliebten, blauen Kombi an der Straße. Ich hatte das Haus gekauft, ohne es mir vorher anzusehen. Leichtsinnig, ja. Aber ich wollte ein großes Haus für möglichst wenig Geld. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn ich mir wenigstens ein paar Fotos angeschaut hätte, aber die alten Besitzer verzichteten auf diesen Luxus und stellten kein Bild ins Netz. Doch in diesem Fall - wie in vielen anderen auch - hörte ich auf meinen Instinkt. Was, zugegebenermaßen, bisher auch nicht immer zu meinem Vorteil gewesen war.

Um mich herum wurde es für einen Moment still. Meine Kinder blickten ebenfalls auf ihr neues Zuhause. Ich genoss den Moment. So still war es selten. Schon gar nicht, wenn sie nach vier Wochen Umzugsstress stundenlang auf knapp drei heißen, stickigen Quadratmetern zusammengepfercht waren.

„Ganz schön groß, der Kasten“, meinte Tommy, mein Großer. Er saß neben mir auf dem Beifahrersitz. Er war der Stillste von allen. Mir manchmal schon zu still.

„Endlich Platz“, erwiderte ich gedankenverloren. Die gelbe Fassade blätterte. Das Haus musste gestrichen werden, am besten noch vor dem Winter. Maler oder selber streichen? Ich befürchtete, das würde eine reine Kostenfrage werden, und sah mich schon zitternd und bibbernd auf dem Gerüst stehen, eine Leine um den Bauch gespannt, am Schornstein gesichert, eine Hand vor den Augen, in der anderen Hand den Pinsel, den Farbeimer um den Hals gehängt und ja nicht runtersehen! Und hoffen, dass der Schornstein auf dem Dach bleibt.

„Sieht doch gar nicht so übel aus.“ Der Kommentar kam von der Rückbank schräg hinter mir. Mein Sohn Benny. Er war acht und das genaue Gegenteil von Tommy - faul, rotzfrech und immer zu Streichen aufgelegt.

„Findest du?“, fragte ich vorsichtig. Bei Benny wusste man nie. Die Haustür hing schief in den Angeln. Hoffentlich war nur die Tür verzogen und nicht das ganze Fundament abgesackt. Andererseits konnte ich keine Risse im Mauerwerk erkennen. Das gab doch Grund zur Hoffnung.

„Klasse!“, freute sich Miri hinter mir, sechs Jahre alt und reif für die Schule. „Der Garten ist ja riesig!“

„Besser als der alte Spielplatz“, gab ich zu. Besuche auf dem Spielplatz unserer alten Wohnsiedlung glichen einer Schatzsuche. Jeder Schaufelhub förderte eine neue Überraschung zu Tage: Hundehaufen, Katzenkot, Zigarettenkippen, benutzte Spritzen, Präservative und andere Nettigkeiten. Nur auf Knochen sind wir nie gestoßen - wenn man die Grillhähnchenreste vom Imbiss um die Ecke von dieser Definierung ausschließt.

Allerdings sah das hier auch nicht gerade verlockend aus. Eine verrostete Schaukel stand links vom Haus. Ein morsches Holzbrett an einem faserigen Seil schaukelte quietschend im Wind und strich über das kniehohe Gras. Dazu diese ungewohnte Stille, kein Mensch in der Nähe, kein Fahrzeug auf der Straße. Gruselig. Hoffentlich spukte es in dem Kasten nicht.

Die alte Villa mit der großzügigen Auffahrt präsentierte sich unseren Blicken. Sicher einmal stolz, aber der bröckelte ebenso wie die Fassade. Durstige Büsche und halbtote Tannen begrenzten das Grundstück an den Seiten. Links kamen nur noch Wiesen und Felder, ein Stückchen weiter führte ein kleiner Feldweg in das hinter meinem Grundstück liegende Wäldchen. Rechts vom Haus rotteten ein paar alte Schuppen vor sich hin, das nächste bewohnte Haus stand erst am anderen Ende der Straße, gegenüber lagen Pferdekoppeln.

Ruhe, Frieden, ländliche Idylle. Mit allen Vor- und Nachteilen. So wie ich es gewollt hatte. Jedoch bekam ich selten das, was ich wollte, und so machte ich mich auf ein paar Überraschungen gefasst. Und die sollte ich dann auch bekommen. Also bekam ich im Prinzip doch das, was ich wollte - na, bevor es zu kompliziert wird, zurück zum Anfang der Geschichte.

Ich blickte also in die Gesichter meiner Kinder, das Liebste, was ich auf der Welt habe. Skepsis, Neugier, Begeisterung. Gar nicht mal so schlecht für den Anfang. „Lasst uns mal sehen, wie es drinnen aussieht“, schlug ich vor und stieg aus.

Miri war die Erste, die vor dem alten Tor stand, und ihren Kopf gegen die mannshohen, rostroten Gitterstäbe mit den überdimensionalen Pfeilspitzen presste. Zu meiner Überraschung war der Zaun noch alte Schmiedearbeit. Spätestens in diesem Moment war es um mich geschehen. Ich hatte mich unsterblich in dieses Haus verliebt, egal wie schlimm es auch drinnen aussehen mochte.

Ich hatte schon immer eine Vorliebe für hoffnungslose Fälle, strich zärtlich über einen der Stäbe und zog mir einen rostigen Metallsplitter seitlich in den Ringfinger. „Autsch!“

„Mama, ich will schaukeln!“ Jetzt, sofort, auf der Stelle. Bei Miri musste es immer sofort sein.

„Gleich, Schatz, ich muss erst einmal sehen, ob die dich noch trägt“, vertröstete ich sie und steckte den Finger in den Mund.

„Och, Mann!“, maulte Miri und streckte Benny im Vorbeigehen die Zunge heraus, weil er feixte. Benny ließ das nicht auf sich sitzen und boxte ihr auf den Arm. „Mama!“, heulte Miri auf. „Benny hat mich gehaun!“

Nicht schon wieder! Jetzt nur nichts anmerken lassen. Meine Brut würde das schamlos ausnutzen. „Benjamin - lass deine Schwester in Ruhe. Miriam - streck deinem Bruder nicht die Zunge heraus.“

Meine Tochter blitzte mich ärgerlich an.

Ich suchte ein halbwegs sauberes Papiertaschentuch in meiner Hosentasche und wickelte es um den blutenden Finger. Das Taschentuch war schon rot. Blut? Welche Verletzung war mir denn da entfallen? Ach nein, nur Ketchup vom letzten Zwischenstopp. Aber wo wir gerade dabei waren - musste ich nicht schon im letzten Jahr zur Tetanusauffrischung? Egal. Von so ein paar Bakterien ließ ich mich doch nicht unterkriegen.

Meine Tochter blitzte mich immer noch ärgerlich an.

Ich unterdrückte ein Schmunzeln. „Du weißt doch, Schatz, Mami sieht alles.“

Tommy wartete bereits an der Haustür. „Die fällt gleich von alleine raus.“

„Ach, so schlimm wird es schon nicht sein!“ Ich wühlte den Schlüssel - den mir der Notar bei der Unterzeichnung mit einem Blick ausgehändigt hatte, der alle seine Bedenken gegen meine Entscheidung ausdrückte und mich als hilfloses, überfordertes Weibchen klassifizierte - aus meiner Umhängetasche und steckte ihn ins Schloss. „Na bitte - passt, wackelt und hat Luft. Wenigstens werden wir in diesem Haus nicht ersticken.“

Etwa zwei Zentimeter lagen zwischen oberer Türkante und Rahmen. Die Tür klemmte, ich musste sie anheben und gewaltsam aufdrücken. Staub stieg uns in die Nase, ich nieste heftig. Wie gut, dass ich schon ein Taschentuch in der Hand hielt. Aber nun hatte es wirklich ausgedient.

Muffige, abgestandene Luft schlug uns entgegen ...