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Liebe - und was ich darunter verstehe.




Sicher etwas Anderes als viele andere.

Wer hat ihn als Kind nicht geträumt? Den Traum von dem strahlenden Märchenprinzen, dem heldenhaften Ritter auf dem weißen Pferd, der schönen Prinzessin, die gefangen in einem hohen Turm tapfer der Rettung harrt? Und als wir etwas älter wurden, gab es den Traummann mit dem schnellen Auto, die Traumfrau  mit den rasanten Kurven .... und wie sieht die Realität aus?

Ich habe diesen Traum irgendwie verpasst. Weiß auch nicht wieso, aber wenn ich so rückblickend schaue ... nö ...

Gut, gewisse Eigenschaften sollte der Liebste schon mitbringen. So etwas wie Ehrlichkeit und Treue und so ... aber Traummann? Ich bitte euch! So was gibt es doch eh nicht im richtigen Leben!
Dachte ich ...

Ich lebte also meine Beziehungen ganz irdisch. Märchen sind was für Kinder, früher einmal als erzieherisches Mittel gebraucht, um die Kinder auf die Gefahren des Lebens hinzuweisen.
Meine Güte, was man so in seinem Leben alles glaubt ...

Na ja, auf Grund des Glaubens scheiterten diese Beziehungen dann auch. Nein, nein, ich meine hiermit keine Religion. Das ist ein ganz anderes Thema. Ich spreche von meinem Glauben, der meine Realität schafft, denn man sieht ja nur das, was man sehen will. Oder doch nicht?

Und dann gibt es ja noch die unterschiedlichen Arten der Liebe. Gehen wir sie doch mal der Reihe nach durch, wie wir sie zumeist erfahren:

Zuerst die Liebe zu unserer Mutter, die etwas inniger verbunden scheint als zum Vater. Schließlich waren wir ja mal in Mamis Bauch. Und mancher Papi schon mal auf und davon. Vielleicht sind da noch Geschwister? Na, die Liebe artet auch gern mal in Hiebe aus, auch wenn sie irgendwie zur Familie gehören.

Die Großeltern - ja, die sind was Besonderes! Wenn Mama und Papa Nein sagen, geh ich halt zu Oma und Opa.

Die arme Meersau im Käfig wird gerne kräftig geknuddelt und überlebt es mit Chance, die Katze flüchtet rechtzeitig und der Hund zieht nur den Schwanz ein. Aber wir lieben diese Familienmitglieder schon von zarten Kindesbeinen an. Wenn die Beine dann kräftiger werden, wird im Allgemeinen auch unsere Liebe zarter.

Die erste Sandkastenliebe ... oder für die Spätzünder kurz vorm Schulabschluss. Wie immer diese Liebe auch ausgeht (und meistens geht sie aus), wir wollen sterben! Das können wir nicht überleben! Aber der Typ da in der Disco sieht auch ganz lecker aus. Oder die üppige Blondine an der Bar? Und bevor man sich versieht, trägt man einen Ring am Finger oder teilt Haus und Hof mit einem Partner. Dann kommt der Nachwuchs - unsere geliebten Kinder!

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute glücklich und zufrieden ... sicher, aber meistens glücklich getrennt. Und die Kinder teilen ihre Liebe zwischen Mama und Papa auf, weil Mama und Papa nicht mehr ohne Anwalt miteinander reden.

So viele Arten von Liebe ... jede fühlt sich unterschiedlich an. Oder nicht? Wenn nicht - Herzlichen Glückwunsch! Wenn doch - Wieso?

Mal ein büschen Theorie: Da gibt das die sogenannte "Abhängige Liebe". Wir machen unsere Gefühle von etwas abhängig. "Ich liebe dich, weil ... (du so schöne Augen hast)". "Ich liebe dich, wenn ... (du mir treu bist)". "Ich liebe dich, aber ... (da gibt es noch ein paar Sachen, die du an dir ändern solltest)".
Ah ja ...

Das heißt meistens, wenn der Partner sich nicht an die Spielregeln hält, setzen wir ihn samt Koffer vor die Tür. Oder werden gesetzt. Ist uns allen schon mal passiert, denke ich. Mehr oder weniger rabiat. Und was da mal an Liebe war, schlägt oft in Hass um. 

Machen wir das mit unseren erwachsenen Kindern auch? Natürlich nicht! Nein? Warum nicht?

Unsere Kinder können anstellen, was sie wollen. Wir können uns so derbe mit ihnen verkrachen, dass wir ein Lebtag nicht mehr miteinander sprechen. Aber wir lieben sie noch. Diese Liebe hört einfach nicht auf! Die und wir können machen, was wir wollen!

Und zu unseren Eltern? Ist das da nicht genauso? Haben wir uns endlich abgenabelt, vermissen wir sie auch schon. Was noch lange nicht heißt, dass wir je wieder ein Wort mit ihnen reden werden.

So ähnlich verbrachte auch ich mein Leben. Ich liebte meinen Partner anders als meine Kinder, meine Mami anders als meine Katze, meine Freunde hatte ich höchstens lieb ... und so manche Liebe blieb auf der Strecke. Ende. Aus. Vorbei.

So langsam kam ich dann dahinter, dass da was nicht stimmt. Und zwar nicht an den anderen, sondern an mir und meiner Denke.

"Liebe ist Liebe."

Dies sagte mir zu Beginn meiner Überlegungen ein Schreib-Kollege, der so irgendwie eine ganz andere Sicht der Dinge hatte, was mich natürlich zu widerspenstigen Diskussionen herausforderte - "Hey! Ich habe schließlich meine Meinung (und natürlich meistens Recht)!" - "Liebe ist nicht gleich Liebe! Na, hör mal! Da gibt es ..." - ich zählte auf wie oben schon gesagt - "... und außerdem ist es doch eine ganz andere Art von Liebe zu meinem Partner, schließlich habe ich ja Sex mit dem!"

"Sex ist nur ein Aspekt von Liebe."

Na, an dem Satz hatte ich aber zu knusern! Aber das schob ich erst mal auf. Schließlich war ich ja gerade im Begriff, meine zweite Ehe zu beenden, da macht man sich doch nicht schon gleich Gedanken um die nächste Beziehung! Die war schließlich noch längst nicht in Sicht.
Dachte ich mal wieder ...

"Du denkst ja schon wieder!" Dies ist der Satz, der mir heute gerne um die Ohren gehauen wird. Und Recht hat er. Nein, nicht mein Kollege, der mir inzwischen ein lieber Freund geworden ist. Mein "Traummann". Ja, ich kann die Seufzer von euch hören ... Ach, herrje! ... Ach, wie schön! ... Ach, ich wusste es doch!

Ich dachte nämlich so wie ich von Haus aus konditioniert worden war. So wie die meisten von uns, also mit Sicherheit noch meine Generation, erzogen wurden. Von den Eltern, der Schule, der Gesellschaft. Ich dachte viel - aber nicht im Leben daran, darüber mal nachzudenken. Dafür brauchte es letztendlich nur drei Worte: "Liebe ist Liebe."

"Wie? Ey, hallo! Die Beziehung ist zu Ende! Der Typ kann mich mal ... gern haben, aber ich ihn nicht mehr!" Bis mir der Gedanke an meine Kinder kam: Ich liebe alle drei. Würde ich sie lieben wie einen Partner, müsste die Liebe für das älteste Kind mit der Geburt des zweiten erlöschen. Grausamer Gedanke! Nein, natürlich war das nicht so! Aber warum nicht? Was ist an dieser Liebe anders?

Sie ist bedingungslos. Sie stellt keine Forderungen. Bedingungslose Liebe. Wir lieben unsere Kinder, egal was sie auch anstellen, welche negativen oder positiven Charaktereigenschaften bei ihnen zu Tage treten. Der Mörder wird von seiner Mutter genauso geliebt wie der Nobelpreisträger. Diese Liebe ist von Anfang an da und hört selbst mit dem Tod nicht auf.

"Kann ich meinen Partner auch so lieben?" JA!

"Aha ... und wie geht das? Kann man das irgendwie lernen?" Nein.

Aber man kann an sich arbeiten. Sich und seine Motive hinterfragen. Sich seines Verhaltens, seines Wesens, seiner Einstellungen bewusst werden. Und man kann mal ein großen Hausputz hinlegen und vom Keller bis zum Dachboden rigoros ausmisten. In dem Haus, in dem wir wohnen - in uns!

Und plötzlich ist sie da. Liebe von Anfang an. Kein Verliebtsein. Reine Liebe. Wahre Liebe. Idealisierte Liebe. So wie man sich  früher die Liebe vorstellte ... der Märchenprinz ... die Traumfrau ... oder für den Partner, mit dem man schon Jahre verbracht hat.

Ja, klingt gut, ich weiß. Die Sache hat nur einen Haken: Diese Liebe gibt es nicht umsonst. Nein, keine Angst, ich mache jetzt keine Werbung für irgendeinen Eso-Kurs oder Lebenberatungstermin.

Diese Liebe fordert. Und zwar sehr, sehr viel. So viel wie sie gibt. Liebe ist. Sie hat keinen Anfang und sie hat auch kein Ende. Aber die Liebe ist nur das Gefühl. Was das Leben kompliziert macht, ist unser Verhalten. Die Liebe schafft niemals das Leid. Das kann sie gar nicht. Das Leid schafft nur unser Verhalten. Und das muss man erst mal begreifen.

Bedingungslose Liebe heißt, ich nehme meinen Partner so an, wie er ist. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn es geht nicht darum, über seine / ihre Macken hinweg zu sehen. Es geht darum, die Macken zu verstehen, zu akzeptieren (nicht nur zu tolerieren) und, wenn er oder sie es denn möchte, zu helfen, sie sich abzugewöhnen, zu hinterfragen und zu integrieren. Aber sie bedeutet niemals Selbstaufgabe.

Bedingungslose Liebe heißt auch, den Partner gehen zu lassen, wenn er will. In Liebe. Mit guten Wünschen. So schwer es einem selber auch fällt. Ohne Hass, ohne Schuldzuweisungen, ohne Reue. Was du liebst, lass frei ...

Keine Einschränkungen, keine kleinlichen Vorhaltungen, keine Eifersucht und kein Klammern. Keine Kontrolle und keine Verlustangst. Der Preis ist hoch - er bedeutet die tägliche Arbeit an sich selbst. Ihr glaubt kaum, was da alles in einem hoch kommt! Von dem man glaubte, es längst überwunden zu haben! Und mit welch einer Intensität!

Bedingungslose Liebe ist ein mächtiger Katalysator. Und sie setzt eines voraus - sich selbst bedingungslos lieben zu können. Sich anzunehmen, mit all seinen schlechten Eigenschaften, seinen Schatten, seiner Vergangenheit und seinem Äußeren. Nur dann kann man auch den anderen so bedingungslos lieben. Und diese Liebe von einem anderen Menschen annehmen.

Der Weg ist lang, hart und voller Umwege. Aber er lohnt sich. Ich gehe ihn gern. Wir gehen ihn gern. Miteinander.



"Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können."

George Eliot